Bilanz 2007

Der Frühling lässt in diesem Jahr auf sich warten. Das nasskalte Wetter lockt mich nicht nach draussen und so ist es, von der positiven Seite betrachtet, der ideale Zeitpunkt, wieder einmal eine Bilanz zu verfassen. Die erste seit einem guten Jahr! Zeit, in die Rückblende zu stellen; den Blick zurück schweifen zu lassen, zu schauen, in die Ferne und ins Jetzt – hin und her – um zu erspüren, was sich verändert hat, was sich erwiesen hat, was an Träumen real wurde, was nicht standhielt und wie sich das alles anfühlt.


Wer meine News gelesen hat, weiss ja, dass ich im Frühling vor einem Jahr die Reiserei vorderhand ;-) aufgegeben habe, und dass ich einige Monate lang nach einer passenden Bleibe für mich gesucht habe, und dass ich seit September in der Burgunder Bresse in einem Bauernhaus mit viel Land wohne. Seit November nicht nur mit meinem Zorrolito, sondern mit einem Zweithund namens Luke. Im Grunde ist in den News das Wesentliche an äusseren Veränderungen enthalten. Meine Schritte, die mich hierher geführt haben sind dort festgehalten. Allerdings sind die News bewusst für eine Öffentlichkeit bestimmt. Meine Bilanzen hingegen haben eigentlich immer in erster Linie mir selber gedient. Mit dem Ziel, mich ins Jetzt zu stellen, indem ich mir der Veränderungen der vergangenen Zeit bewusst werde. Das Bilanzschreiben war und ist vor allem eine Art Innehalten, eine Innenschau, ein Reflektieren von dem was war und jetzt ist.

 

Ich empfinde die Sesshaftigkeit ganz stark. Positiv und Negativ. Natürlich ist es noch Neu und ein krasser Wandel zu meinem früheren Leben. Aber es hat sich ja auch sonst einiges verändert. Ich gehe seit Dominiks Tod alleine durch das Leben – ohne Partner. Und das ist mindestens ein ebenso einschneidender Wechsel wie die Rückkehr zur Sesshaftigkeit. Diese beiden Veränderungen bestimmen heute mein Leben.

 

Bin ich zufrieden? Hat sich mein Entscheid als das erwiesen, was ich mir erhofft habe? Bereue ich etwas? Würde ich dasselbe noch einmal tun? Nun, für einige Antworten ist es im Grunde zu früh. Ich bin ja erst seit einem guten halben Jahr hier, zudem während der Winterzeit. Trotzdem. Der Abstand, welcher hier in Frankreich erst so richtig zum Tragen kam, war wirklich viel wert. Ich hatte es so sehr nötig! Wenn ich bedenke, dass sich schon auf meiner letzten gemeinsamen Reise mit Dominik mein Bedürfnis nach mehr Ruhe und Sesshaftigkeit gemeldet hat, dann wird es erst recht sehr verständlich, dass ich nach der Krankheit und dem Verlust Dominiks und der anschliessenden erneuten Reise nach Tunesien nun wirklich „gierig“ nach der ersehnten Ruhe und dem Alleinsein war. Hier hab ich das alles. Und ich merke, dass ich langsam genese. Ich merke, dass sich die Bindung mit Dominik langsam, aber immer weiters verändert und löst. Auch kommt die Balance der Gefühle ihn betreffend immer mehr ins Gleichgewicht. Ich vermisse seine Anwesenheit nach wie vor. Ich denke viel aber auch immer weniger an unsere gemeinsamen Jahre. In letzter Zeit vermehrt an unsere allererste gemeinsame Zeit, wo wir noch verliebt und sesshaft waren. Alles scheint so weit weg! Der Schmerz von Dominiks Verlust ist einem viel leichteren Schmerz des Alleine-Seins gewichen. Anfangs mochte ich nicht einmal an eine andere neue Beziehung denken und manchmal meinte ich sogar, mich nie mehr in eine Beziehung begeben zu können. Dieses dumpfe Gefühl ist gewichen. Seit diesem Jahr denke ich vermehrt darüber nach, wie es wäre wenn... und ich stelle wieder einmal fest, dass das Leben alleine nicht einmal halb soviel Spass macht. Ich denke, der Lauf dieser Dinge und Gefühle ist absolut normal und ich bin froh, dass ich mich wieder ins Leben hab hieven können. Denn irgendwie ist es schon so. Es war wie eine Art Taumel, eine Art Umweg durch nebliges Gebiet. Zwar war der Weg eigentlich schon der meinige, nur war ich nicht ganz ich. Wohl zu arg besetzt von diesem Schmerz durch Dominiks Tod. Nicht, dass da gar kein Schmerz mehr wäre, aber er ist nicht mehr so heftig und vieles bestimmend, nicht mehr so mächtig. Was nach wie vor schwierig zu meistern sein wird, ist der Anspruch an einen möglichen neuen Partner! Die intensive Zeit, die ich mit Dominik während seiner Krankheit erlebte, wurde schon ein wenig zum Massstab für mich und bestimmte „Beziehungsformen“. Aber auch dies wird sich nach und nach wieder in „normale“ Dimensionen bewegen, so hoffe ich doch. Mein Verstand sagt mir, dass so eine Intensität nicht über Jahre hinweg Bestand haben kann. Mein Gefühl sehnt sich aber danach und will hierin keine Kompromisse. Aber vielleicht hilft ja hier mittlerweile auch mein Bedürfnis nach dem Alleinsein diesem Gefühl nach Intensität ein wenig nach, es in die richtige Relation zu setzen. Ganz schön kompliziert, es in Worte zu fassen!

 

Der Entscheid, hier in Frankreich, in der Pampa, ein Haus mit viel Land zu kaufen bereue ich bis jetzt noch nicht. Obwohl ich mich an viele Dinge erst noch gewöhnen muss. Und das meiste hat damit zu tun, dass ich mich um fast alles alleine kümmern muss. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nicht alleine wäre, um diese Herausforderungen anzugehen, so sähen die meisten Widrigkeiten nur halb so schlimm aus! Und die positiven Seite dürften ein wenig mehr ans Licht rücken! Es war mir, ehrlich gesagt, nicht bewusst, was es wirklich bedeutet, die Verantwortung für ein ganzes Haus mit soviel Land alleine zu tragen. Die Arbeiten sind nicht das Problem. Ich kann es mir einteilen und im Winter kann man eh nicht allzu viel tun. Spürbarer sind die Entscheidungen und deren Konsequenzen! Bei so vielen Dingen kenne ich mich nicht aus und muss mich immer wieder informieren. Gerne würde ich sie mit einem Partner diskutieren und die Entscheidungen in Diskussionen „herauskitzeln“. Wenn ich alleine über solche Dinge „brüte“, dann ist der Prozess nie so kreativ und bereichernd. Ja, es ist eigentlich sogar sehr schade. Das ist ein Aspekt, der mir wirklich fehlt. Natürlich kann ich einiges mit meinen Freunden oder meiner Familie in der Schweiz am Telefon oder wenn sie hier sind besprechen, aber es ist natürlich nicht dasselbe. Es liegt auch in der Natur der Sache, dass am Anfang die meisten Umbauarbeiten zu machen sind. Und es ist wohl auch natürlich, dass es in der winterlichen Jahreszeit weniger lustig ist als im Sommer. Auftanken kann ich halt vor allem, wenn ich draussen in der Natur bin. Aber die wärmeren Temperaturen, die einen hinauslocken würden, lassen immer noch auf sich warten!

 

Aber jetzt mal abgesehen von diesem Gefühl des „Alles-alleine-machen-müssens“ fühle ich mich hier sehr wohl. Ich mag die Abgeschiedenheit und das viele Grün um mich herum. Ich liebe es, durch meinen Garten zu streifen und überall Neuentdeckungen machen zu können. Es gibt unendlich viele Dinge, die ich schätze und die ich vorher nicht gehabt habe. So z.B. das Cheminee. Vor dem Kamin zu sitzen, zu sehen, wie die Flammen am Holz lecken, wie es lodert und knistert! Das ist ein himmlischer (oder teuflischer?) Genuss! Zu sehen, wie „meine“ Pflanzen wachsen und gedeihen. Zu sehen, wie meine Ideen langsam Form annehmen, wie etwas entsteht, wie es sich entwickelt und etwas wirklich Ureigenes entsteht, ist ein gutes und starkes Gefühl. Ich liebe auch die Ruhe über alles. Der einzige Wehrmutstropfen ist mein nachbarlicher Bauer, der diverse Maschinen auf seinem Hof hat, die immer mal wieder in Betrieb genommen werden und entsprechend lärmen. Aber vielleicht helfen ja gerade diese Geräusche die Stille daneben besser wahrzunehmen! Ausserdem bin ich hier in der landwirtschaftlichen Zone. Da gehört diese Kulisse eben ganz einfach dazu! Und hier kommt wohl die Einsicht, die vermutlich jeder Hausbesitzer kennt: man weiss erst, wenn man eine ganze Weile irgendwo war, was das Haus und die Umgebung alles an guten und schlechteren Qualitäten bietet. Viele sagen ja, man muss dreimal bauen, bevor man das wirklich stimmige Haus baut/kauft. Ich kann mir das mittlerweile sehr gut vorstellen! Wenn man bedenkt, dass sich Bedürfnisse im Laufe eines Lebens ändern und man durch Fehler immer mehr und mehr erfährt, was man wirklich braucht, dann stimmt das wohl sehr! Nun würde ich nicht sagen, dass ich hier einen Fehlkauf getätigt habe. Dafür gibt es zu viel Stimmiges. Aber ich wüsste bei einem nächsten Mal schon viel eher, auf was ich alles achten würde. Ich bin aber immerhin schon recht froh, dass ich mich dazumal nicht für ein Haus in der Schweiz mit den durchschnittlich 500m2 oder für eine Eigentumswohnung entschieden habe. Das Land, dass ich hier zur Verfügung habe ist schon genau das, was ich mir wünsche und von dem ich schon immer geträumt habe. Frankreich ist auch keine schlechte Wahl, um ein Haus zu kaufen – so einfach wie das hier im Burgund möglich ist, ist es, soviel ich weiss, in keinem anderen europäischen Land! Das Leben in der Pampa passt mir sehr. Der einzige Nachteil – man braucht ein Auto! Ohne geht es nicht. Das ist zwar unschön aber nicht änderbar – obwohl – zu meinem Traum gehören nämlich auch Ross und Kutsche... Aber dieser Traum will noch eine Weile gedeihen!

 

Die Reiserei hat mir vieles gegeben – jeder Tag war ein Tag mit vielen unbekannten und spannenden Faktoren. Ich habe viele Menschen kennengelernt – habe viel gesehen und viel erfahren. Jetzt hat das Leben nicht minder Spannung! Aber sie liegt ganz woanders. Spannend ist es, zu sehen, wie die Natur sich verändert, wie und wo überall was wächst! Die Jahreszeiten! Spannend ist es auch, mich darin zu erleben. Zu sehen, wie ich dieses Leben meistere. Und spannend ist es auch hier, Menschen, ihre Eigenheiten und die Umgebung kennenzulernen. Der Unterschied beim Reisen liegt darin, dass ich eher Gast bin. Ich komme, sehe, geniesse und schreite weiter. Hier und jetzt tue ich das auch – ich empfinde mich nach wie vor als Gast auf dieser Welt - doch habe ich viel mehr Zeit beim Sehen und Geniessen. Vielleicht ist es sogar ein wenig so, dass ich eher stillstehe und schaue und mir bewusst werde, wie sich das Leben um mich herum bewegt. Auf Reisen bin ich Bewegter, nehme ich die Umgebung als Momentaufnahme und daher eher statisch war – Beim „Sesshaft-Sein“ verhalte ich mich still und das Ringsherum bewegt sich...

 

Na, wie auch immer, vielleicht ist der herausragendste Aspekte der, dass es für mich Neu und daher Abenteuer ist. Wir werden sehen, wie es sich in ein paar Jahren verhält! Ich bin gespannt und neugierig!

 

Was ich sicher weiss, ist, dass ich es nicht bereue, mich hier in der Burgunderischen Bresse niedergelassen zu haben. Für heute und für morgen stimmt dieser Entscheid und ich würde mich wieder so entscheiden. Was übermorgen ist, steht auf einem anderen Papier!