Bilanz 2010

Es ist Sonntag – im Januar 2011. Absolute Stille umgibt mich. Am Mittag fuhren noch drei, vier Offroader vorbei, Jäger, die ihre Hunde einsammelten. Hin und wieder höre ich weit entfernt die nachbarlichen Kühe, wenn sie an die Eisenstangen der Futtertröge stossen. Ein Vogel zirpt noch recht einsam irgendwo in einem Baum und Luke macht unter dem Tisch, zu meinen Füssen, kaum einen Wank. Jetzt gerade springt die Heizung mit leisem Brummen an. Es ist kalt, ziemlich genau 0°. Der Teich ist gefroren und über dem Land hängt, wenn auch hoch, der Nebel. Immerhin, es bläst keine Biese. Ruhe. Wie ich sie geniesse! Es gibt doch tatsächlich Menschen, denen wird es irgendwie unwohl, wenn nicht von irgendwoher Geräusche entstehen, die sich umschauen und sich fragen, wie ich das aushalte in dieser Stille. Und wie ich das aushalte! Sie ist mir mittlerweile sogar zum Bedürfnis geworden. Nicht über Tage hinweg, aber immer wieder und dann tauche ich ab in dieses Meer von Stille und fühle mich wohl und im Frieden. Wenn ich nachts einschlafe, dann horche in die Stille hinein und manchmal gelingt es mir, mich darin so geborgen zu fühlen, wie wenn es ein Teil von mir wäre.

Den Vormittag habe ich damit verbracht, neue Vorhänge bzw. Rollos aufzuhängen.

Nun sitze ich am grossen Tisch in der Veranda und habe mich entschlossen, wieder einmal eine Bilanz zu schreiben. Ich habe die Letzte von vor einem Jahr gelesen und gedacht, dass es mir immer viel gebracht hat, zusammenzufassen, was ist, was war, was sein kann, halt die Veränderungen bewusst zu machen. Vielleicht wäre es sogar sinnvoll, wieder Tagebuch zu schreiben. Mal sehen.


Das Jahr 2010 war, so würde ich ganz spontan sagen, ein extrem anstrengendes Jahr, aber auch ein erfolgreiches. Vieles ist entstanden, hat neu angefangen und wurde beendet.

Das Jahr war einerseits geprägt von meiner Hepatitis-C-Therapie, was bedeutete, regelmässig Medikamente in Tablettenform und Spritzen zu nehmen und immer wieder total schlapp und fiebrig zu sein. Und andererseits war es bestimmt vom Ferienwohnungsprojekt, welches bis Anfang Juli eine Baustelle war, und ab da an bis Mitte Oktober bedeutete Gäste im Haus zu haben.

 

Es war Anfangs Jahr, als ich mich entschliess, die obere Wohnung fertig auszubauen und zu versuchen, sie als Ferienwohnung zu vermieten. Ich führte diverse Gespräche mit Leuten um mich herum, um herauszufinden, ob das Anklang finden würde und wie das konkret ausschauen könnte. Und natürlich gehörte dazu, meine Finanzen zu überprüfen und zu schauen, ob das wirklich realisierbar wäre und ob ich davon auch leben könnte. Vor allem ging es darum, herauszufinden, ob tatsächlich Gäste kommen würden, ob es genügend Menschen gibt, die diese Ecke genauso mögen wie ich.

Der Anklang, den meine Ferienwohnung bekam und die Tatsache, dass ich die Wohnung, ohne speziell Werbung zu machen, beinahe die ganze Saison (natürlich erst ab Juli) über besetzen konnte, erstaunte mich dann doch beträchtlich. Irgendwie hatte ich damit nicht so wirklich gerechnet. Natürlich gehofft, aber mir trotzdem nicht so recht vorstellen können.


Der andere unsichere Faktor war, wie es sein würde, „meinen“ Garten mit fremden Menschen zu teilen. Mit ihnen zurecht zu kommen und nicht zuviel Stress damit zu haben. Das war mein Ziel. Aber es kam viel besser! Es waren lauter Menschen, die den Garten und diese Ecke schätzten, die sehr sympathisch waren, mit denen ich teilweise viel Spass und auch gute Gespräche, und immer ein gutes Gefühl hatte. Hinzu kam, dass meine Gäste oft voll des Lobes waren und offensichtlich Freude am Teich und am Garten hatten. Nicht, dass ich auf Lob gewartet hätte, im Gegenteil, erst all die netten Komplimente machten mir bewusst, dass ich da wohl doch etwas wirklich Schönes und auf seine Weise Wertvolles erreicht habe. Auch wenn ich eigentlich eher das Gefühl habe, dass mir das alles geschenkt wurde und nicht dass ich etwas erschaffen hätte. Aber das ist ja auch gar nicht so wichtig. Ich habe ein bisschen etwas getan und die Natur hat dann vor allem ganz viel zurückgegeben. Und nicht zuletzt hatte ich auch enorm viel Glück! Wenn ich nur schon an den Teich denke! Dass das Wasser drin bleibt war wohl mehr Glück als Verstand. Im nachhinein habe ich erfahren, dass es bei vielen nicht klappt, weil der Boden eben nicht überall so lehmig und fest ist, wie ich es an dieser Stelle in meinem Garten „per Zufall“ angetroffen habe. Dass der Teich „funktioniert“, das heisst, dass das biologische Gleichgewicht - bis jetzt wenigstens – stimmt und hält, das ist vielleicht schon ein wenig mein Verdienst, insofern, dass ich mich diesbezüglich schlau gemacht und ein paar Regeln beachtet habe. Und trotzdem ist es nicht selbstverständlich oder einfach logisch, dass der Teich so wunderbar ist. Er ist klar und voller Leben und hat nur so viel Algen und dies auch nur zu ganz bestimmten Zeiten, wie es in einem natürlichen Teich eben der Fall ist.


Damit zeichnete es sich im Laufe des Jahres 2010 immer mehr ab, dass ich dieses Projekt durchaus ausweiten könnte. Es müsste allerdings mehr Ferienwohnraum geschaffen werden, um davon auch wirklich leben zu können. Ich habe schon viel in dieses Haus und in die Umgebung investiert. Und nun müsste ich noch mehr hineinstecken und beinahe mein ganzes Kapital in dieses Haus und Projekt investieren. Das hiesse, dass ich keinerlei Reserven mehr hätte und dann wirklich auch Geld reinkommen muss. Die Konsequenz eines Scheiterns würde bedeuten, dass ich a) wieder auswärts arbeiten gehen müsste oder b) das Haus verkaufen. Doch wenn ich wieder, wie früher, einem 8-9-Stunden-Job nachgehe, bleibt keine Energie mehr für diesen grossen Garten und das Haus. Also würde es auch in diesem Fall bedeuten, das Haus zu verkaufen und etwas viel Kleineres oder einfach nur eine Wohnung zu haben.


Bei all diesen Fragen und Überlegung realisierte ich, dass ich durchaus eine Aufgabe oder eine Arbeit will und natürlich wäre es geschickt, wenn nicht sogar eher notwendig, mit dieser Aufgabe auch meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Und das Haus? Ja das Haus, würde so mancher jetzt sagen, könnte ich doch so oder so verkaufen. Tja, das wäre theoretisch eine Möglichkeit. Aber in der Praxis wäre es in der momentanen wirtschaftlichen Situation sehr schwierig auch nur annähernd das zu bekommen, was ich hineingesteckt habe. Aber mal abgesehen davon würde es mich natürlich einfach wieder frei machen. Frei, meinen Standort und meine Aufgabe zu wählen.

Damit blieb nur noch die Frage, ob ich dies Projekt denn wirklich wollte oder nicht wieder zum Beispiel mit dem Wömi unterwex sein oder vielleicht noch mehr in den Süden zu ziehen. Vielleicht sogar eine „sinnvollere“ Aufgabe zu übernehmen. Etwas, was nicht nur für mich selber gut ist, sondern auch für andere, die weniger Glück als ich gehabt haben. Es schwirrten mir Hilfsprojekte durch den Kopf. Irgendwo hingehen, wo ich helfen und Sinnvolles tun könnte. Aber da gab es ja auch noch Luke und Zorro. Wenn ich etwas Uneigennütziges tun wollte, dann ginge das nicht zusammen mit den Hunden, oder nur sehr schwierig. Ausserdem wären meine Reserven ohne Einkommen ebenfalls in abschätzbarer Zeit zu Ende. Und zuguterletzt oder sogar vielleicht vor allem passt es nicht in mein Jetzt und Heute. Aber wer weiss, irgendwann einmal hat auch das seinen Platz oder es findet sich eine Form, die in mein Leben passt. Das wäre das Schönste.


Und das ist das eigentliche Stichwort für das nächste Kapitel. Es muss passen. Ich habe das starke Gefühl, dass, seit ich mich für diesen Ort hier entschieden habe, ich den ersten Schritt in eine Richtung getan habe, die zu mir passt, die zu mir gehört. (Übrigens ebenso wie es damals gepasst hat, alles loszulassen und aufzubrechen, unterwex zu sein). Alles, was dann folgte, hat sich mehr oder weniger ergeben. Ich hatte, als ich hierher zog, nicht die Absicht, ein Ferienprojekt auf die Beine zu stellen, ich hatte nicht die Absicht, hier mehr als das Notwendigste auszubauen und ich hatte nicht die Absicht, meinen Garten mit Fremden zu teilen.

Ich liebäugelte sogar lange Zeit mit dem Gedanken, wieder auf Reisen zu gehen. Auf alle Fälle, das Wömi zu behalten und vielleicht jeweils im Winter loszuziehen.

Diese Unruhe und der anstehende Entscheid bewog mich dann auch wirklich, im November 2010 noch einmal loszuziehen. Es war soviel geschehen in diesem Jahr, der Ausbau, die Gäste, der Tod von Zorro, die Therapie. Es war mir alles zuviel und zu nahe. Ich hatte das dringende Bedürfnis, Abstand zu bekommen und meine Entscheidung, was die Zukunft anbelangte, erst nach getaner Reise und mit der für mich nötigen Distanz zu fällen.

Die Reise nach Portugal war tatsächlich hilfreich. Ich realisierte schon recht bald, dass es nicht mehr das ist, was es früher mal war. Natürlich war ich früher meistens mit Dominik unterwex und von daher war es eh etwas ganz anderes. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass ich alleine lebe, sei es hier in Frankreich oder unterwex. Und ich habe mich mit dieser Tatsache angefreundet, das heisst, ich lebe mein Leben nicht so, als ob demnächst wieder jemand an meiner Seite steht, ich fälle meine Entscheidungen nicht mit dem „Hintergedanken“, die Konsequenzen und den entsprechenden Alltag ja wieder irgendwann einmal mit jemandem teilen zu können.

Die Vorstellung, alleine auf Reisen zu sein, ist nicht attraktiv, nicht für mich. Ich würde all diese Abenteuer und Erlebnisse unbedingt mit jemandem teilen wollen. Nun mögen einige einwenden, dass dies ja auch hier in Frankreich der Fall ist. Stimmt. Aber hier habe ich immerhin „meine Erde“, die mich wenigstens bindet und mir Sicherheit gibt – im Gegensatz zum Unterwex-Sein, wo man vollkommen losgelöst und ungebunden ist. Und ich habe hier in Frankreich mittlerweile einen Freundeskreis, der mich unterstützt und mit denen ich vieles teilen kann. Hier kann ich sein, kann ich alleine sein ohne mich alleine zu fühlen.

Um den Kreis zu schliessen, stellte ich auf der Reise insgesamt fest, dass es nicht mehr stimmt. Es passt nicht mehr zu mir. Vielleicht wird es das wieder einmal, wer weiss. Aber im Moment passt Frankreich, passt das Haus und passt mein Leben zu mir. Ich finde es stimmig und alles, was sich im 2010 ergeben hat nimmt einen stimmigen Lauf. Es ist ein Gefühl, dass sich die Dinge ergeben, dass sie nicht erzwungen sind. Natürlich habe ich auch immer wieder Zeiten, wo ich anstehe. Wenn grosse Entscheidungen gefordert sind, tue ich mich manchmal sehr schwer, versuche alle Möglichkeiten Konsequenzen abzusehen, wäge das Für und Wider immer wieder von Neuem ab und versuche, möglichst viel von meinen Bedürfnissen unter einen Hut zu bringen. Manchmal sind das Zeiten, da habe ich das Gefühl, wie wenn die Zeit selber unter einem Zeichen der „Schwerfälligkeit“ steht. Aber auf einmal finde ich den Mut, eine Entscheidung zu fällen und dann rutscht und flutscht es wie von fast alleine. Es ist schwierig, diese Dinge in Worte zu fassen. Ich empfinde es als eine Arte Zeitqualität. Es gibt für alles irgendwie Zeiten und wenn die Zeit stimmt, dann hilft die Intuition ganz enorm, die richtige Entscheidung zu fällen. Kann auch sein, dass es einfach Zeiten gibt, wo einem die Angst so sehr gefangen hält, dass man aus dieser Verfassung heraus ganz einfach auch keine guten Entscheidungen treffen kann. Und dann gibt es da auch noch die unguten Entscheidungen, die ebenfalls für etwas gut waren. Und wenn es nur das ist, dass man nicht verlernt, ein halbleeres Glas als halbvoll wahrzunehmen.


Ein harter Schicksalsschlag war der Tod von Zorro. Der Moment. Gerade als die Umbauarbeiten abgeschlossen waren, die ersten Gäste da waren und ich endlich wieder einmal zur Ruhe gekommen war. Als ich nach langer Zeit im Chaos und im Stress endlich wieder Ruhe und Ordnung hatte, da passierte es! Es ist mir noch heute ein Rätsel, wieso sich Zorro genau diesen Moment ausgesucht hat. Er war mir ein so tapferer und treuer Freund! Wie viel haben wir zusammen erlebt und durchgestanden. Wie oft war er mein einziger Trost, mein einziger Freund und mit einziger Weggefährte! Und jetzt, da wollte er nicht mehr? Es war zu Ende? Was war zu Ende? Dass er für mich da ist und mich begleitet? Der Umstand. Wieso legt er sich gerade mir unter das Auto? Wieso ist er nicht um’s Auto herum gehüpft, wie all die Male vorher? Ja, so viele Fragen und keine Antworten. Nur Möglichkeiten, Spekulationen und auch viel an Hineininterpretieren. Aber keine Antworten. Niemand, der einem sagt, du kannst nichts dafür, es war sein Entscheid. Niemand, der einem erklärt, dass das so ebenfalls in Ordnung ist. Nur ich und sein Tod. Nur ich und das Auto, dass ihn überrollt hat. Nur ich, der ich jetzt ohne ihn weitergehen muss, nur ich und nun Luke, nur wir zwei, die weitergehen sollen, ohne ihn. Es bleibt einzig die Gewissheit, das nichts für immer da ist. Dass sich alles und jeder in jedem Moment verabschieden kann. Und dass das seine Richtigkeit und Stimmigkeit hat. Erst durch die Endlichkeit bekommt alles seinen Wert und Sinn. Es hat für alles eine Zeit und jede Zeit hat ihre Qualität und der Moment - jetzt gerade - ist immer der Kostbarste.


Wie auch immer. Ich habe mich entschieden. Ich bleibe hier und verfolge mein Ferienprojekt. Was das alles bedeutet kommt in die nächste Bilanz. Denn das Jahr hat begonnen, es wurden neue Entscheidungen gefällt und was jetzt kommt, tja, das wissen nur die Götter! Aber ich stehe mit Optimismus und beiden Füssen auf der Erde mitten in meinem Garten in meinem Haus und sehe den Dingen mit Neugier und Spannung entgegen! Und wer weiss, vielleicht habe ich damit schon den Grundstein gelegt, um „etwas Gutes“ zu tun.


Es dämmert ein. Die Dunkelheit senkt sich über das stille Land und verzaubert vielleicht für eine knappe Stunde die Welt in wundervolle und magische Blautöne bis hin zum Schwarz der Nacht.

Demnächst wird mein Nachbar die Milchmaschine anwerfen und mir zeigen, dass es nicht nur Stille gibt. Dass andere Lärm machen müssen, um zu sein und zu leben. Und dann ist es wieder an mir, den Lärm als Realität in meiner Welt zu akzeptieren. Das ferne Brummen bringt mich zurück an diesen Tisch, lässt mich überlegen, was ich zum Abendessen will, und macht mir bewusst, wie viel ich doch habe! Wie viel ich sein kann! Die Lampe brennt schon über dem Tisch, an dem ich arbeite - meine Gedanken und Sinne schweben noch umher und sind doch auch schon zurück im Hier im Jetzt.

Es fahren wieder ein, zwei Autos vorbei. Vermutlich alle auf dem Weg nach Hause.