Bilanz 2011

Es ist Anfang September, ein Montagmorgen, die Sonne scheint, und es ist seit Tagen endlich wieder einmal ein wenig kühler.

Der Sommer war genial schön und warm. Vor allem fing er früh im Jahr schon an. Ab April herrschten sommerliche Temperaturen und die frühe Wärme sorgte für viele herrliche Abende, die man draussen geniessen konnte. Aber jetzt, im September, ist es mir recht, wenn es weniger warm wird und die Arbeiten wieder mit weniger Schweiss zu bewältigen sind.

Der Sommer ist vorbei, die Stimmung ist wie Abschied nehmen, wieder tiefer durchatmen und zur Ruhe kommen. Das hat wohl damit zu tun, dass mein Haus nun bald wieder ruhiger wird. Noch ein, zwei Wochen und die letzten Gäste für dieses Jahr werden wieder abreisen.

 

Nun habe ich schon das zweite Jahr mit Vermietungen bewältigt. Zur Ferienwohnung ist eine Roulotte gekommen, welche im nördlichen Teil des Gartens steht. Sie wurde im Mai geliefert und stand ab Juni zur Verfügung. Die Belegung war insgesamt nicht schlecht. Nur schade, dass im Mai und Juni, als das Wetter so prachtvoll war, nicht mehr Leute gebucht hatten. Dieses Loch fehlt leider, um sagen zu können, dass das Jahr ein erfolgreiches gewesen wäre. Trotzdem bin ich zufrieden und sehe dem nächsten Jahr mit Zuversicht entgegen. Soviele, die hier waren, waren begeistert, vom Garten, vom Teich, von der Roulotte, der Umgebung, der Weite und Ruhe. Fast alle, die meinten, sie hätten sich wundervoll erholt und würden gerne wiederkommen.

Na, und wenn die Gäste zufrieden sind, dann bin ich es auch. Wirklich, wenn ich sehe, dass es den Leuten gefällt, dass sie es geniessen und schätzen, dann ist mein Ziel erfüllt, dann kann ich mich zurücklehnen und wissen, dass es das Richtige ist, was ich tue.

 

Ich habe mich ziemlich daran gewöhnt, dass ich den Garten mit „fremden“ Menschen teile. Wenn sich andere an dieser Schönheit und diesem Frieden erfreuen, dann macht das Sinn für mich. Natürlich wird mein Alleine-sein durch diese Menschen aufgelockert und aufgewertet. Aber auch wenn ich mir vorstelle, hier zu zweit zu sein, würde es Sinn machen, diesen schönen Ecken mit anderen zu teilen. Es hat ja Platz für viele. Und auch genügend Platz, dass man sich zurückziehen kann. Und dann kommt ja auch wieder der Winter, der mich genügend lange alleine sein lässt, so dass ich spätestens auf das nächste Frühjahr wieder grosse Lust bekomme, Gäste zu haben, und dies alles hier mit ihnen zu teilen.

 

Im Moment kämpfen meine zwei Kater miteinander auf der Terrasse. Sie erproben ihre Kräfte in lustigen Scheinkämpfen. Pierrot und Grizzly. Sanssouci, das Mädel, liegt in der Veranda und schläft. Mitte Mai tauchte meine Nachbarin mit diesen drei Katzen auf. Eigentlich viel zu jung mit ca. 6 Wochen hatte ich doch keine Wahl. Sie hätten ansonsten keine Chance bekommen. Mittlerweile geht es ihnen prächtig und sie sind gut gediehen. Auch mit Luke geht es nun gut. Anfangs war es schwierig. Er war eifersüchtig und wirkte auf mich sehr bedrohlich, was die Katzen anbelangte. Da ich drei Katzen zusammen hatte, konnte ich mich aber genügend um Luke kümmern und sie mehr oder weniger sich selbst überlassen. So lernte Luke, dass er meine Nummer Eins bleiben würde. Heute ist er zwar nicht der grosse Katzenfreund – er knurrt sie auch an, wenn sie ihn belästigen wollen – aber er geht auch dazwischen, wenn andere Hunde sich den Katzen eher unfreundlich nähern wollen. Tja, es ist halt alles seins, hier auf dem Terrain.

 

Seit ein paar Wochen stolzieren auch drei Hähne und vier Hühner im Birkenwald umher. Im Frühling habe ich mit Peter und Andrea das Hühnerhaus aufgestellt und im Juli kam Beno, um den ganzen Birkenwald plus noch ein Stück Wiese einzuzäunen. Die Hühner kamen Anfang Juni bei Bea zur Welt und Mitte August durften sie dann endlich bei mir einziehen. Inzwischen geniessen sie das ca. 30m2 grosse Gelände und sitzen hin und wieder sogar auf den Bäumen. Immerhin gehen sie, wenigstens bis jetzt, schön brav und freiwillig abends um 20h in den Stall. Das ist auch gut so. Gestern flog ein Busshard ins Gehege und holte sich eine Taube aus den Bäumen. Meine Gäste und ich waren gerade in der Nähe und konnten den Greifvogel, der sich ein Stück weiter mit seiner Beute niedergelassen hatte, verscheuchen. Wir dachten, die Taube sei tot. Doch als wir näher kamen, schüttelte sie sich und flog davon! Glück gehabt!

 

Soviel zu meinen Viehchern. Das war ja mein eigentlicher Traum: Hier in Frankreich genügend Platz für Tiere zu haben. Die ersten Schritte sind getan. Und wenn es gut klappt und ich diesen Herausforderungen und Aufgaben gewachsen bin, will ich noch mehr davon! Vielleicht ein paar Zwergziegen... mal sehen. Auch ein paar Fische, vielleicht Kois, im vorderen Teich wäre schön. Oder Laufenten, die hier über das Gelände watscheln wären auch ganz lustig. Aber zuerst soll der Winter kommen und dann der Frühling und dann sehe ich wieder weiter.

 

Und bevor der Winter kommt will ich ja auch den Herbst geniessen. Es hat schon angefangen: die kleinen Rohrkolben haben sich schon verfärbt, auch die Kirschbäume haben die ersten bunten Blätter. Vor allem aber die blauen und mauve-farbigen Astern, welche rings um den Teich stehen, verleihen dem Herbst ein wunderschönes und buntes Kleid. Bald wird der Ahorn mit seinen roten Blättern dazustossen und viele andere Blumen und Bäume ebenfalls.

 

Mein Alleine-sein ist für mich immer wieder Thema. Es gelingt mir nicht immer gleich gut, damit umzugehen. Es gibt Momente, da bin ich damit einverstanden und gehe vorwärts. Und dann gibt es aber auch Zeiten, wo ich mich schwer tue, wo ich es als sehr anstrengend empfinde, mich damit abzufinden. Es ist z.B. schwierig, schwerwiegende Entscheidungen alleine zu treffen. Das fängt schon bei der Evaluierung an. Ein Dafür oder Dagegen einer Sache für sich ganz alleine abzuwägen ist viel schwieriger als mit einem kritischen Gegenüber, welches eine Sache mit ganz anderen Augen ansehen kann. Auch wenn es jede Menge Singles gibt und damit sogar eine Art Kult betrieben wird, bin ich mir ziemlich sicher, dass ein Single-Leben nur für eine begrenzte Zeit Sinn macht und Qualität hat. Irgendwann ist es nicht mehr ein so heroisches Gefühl, unabhängig und frei zu sein. Ich denke, dass nur ganz wenige Menschen für das Alleine-sein gemacht sind. Und mit Alleine-sein meine ich ohne Partner. Familie und Freunde sind wertvoll, aber ersetzen bestimmt nicht den Partner. Ohne Familie und Freunde wäre es allerdings noch viel schlimmer. Ich meine, man kann eher auf einen Partner verzichten, als auf Freunde.

 

Mein Freundeskreis hat sich sehr verändert. Zum grossen Teil ist es vermutlich ganz normal und natürlich, dass sich Wege über solche Distanzen trennen. Insbesondere da mein Leben von anderen Themen bestimmt wird, als das früher der Fall war. Und wenn man nicht mehr die gleichen Sorgen und Freuden teilt, dann teilen sich wohl auch die Wege... Ein paar alte Freunde gibt es nicht mehr, dafür sind andere neue dazugekommen. Viele Freunde hatte ich eh nie und heute sind es noch weniger als früher. Aber das ist nicht so schlimm. Viel wichtiger ist für mich, dass der Austausch mit diesen Menschen tiefgehend ist. Ausserdem habe ich schon so viel von meinen Freunden bekommen! Sie helfen mir, unterstützen mich, sind da, wenn ich sie brauche und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nie soviel zurückgeben kann, wie ich schon erhalten habe!

 

Mein Leben ist aber auch reicher an Bekanntschaften geworden. Mit vielen oder wenistens einigen Menschen, die hierherkommen, um Urlaub zu machen, entstehen spannende Gespräche. Begegnungen in einer entspannten und ruhigen Umgebung mit viel Zeit füreinander ermöglichen interesssante und tiefgehende Unterhaltungen. Das empfinde ich als sehr wertvoll und bereichernd. Meist sind es so quasi philosophische Gespräche, wo es um das Leben, die Freuden und Leiden, das Schicksal, halt um Lebenswege geht. Wie schön und wertvoll, wenn sich mir Menschen mitteilen. Wenn ich höre, wie andere ihren Weg gehen oder gegangen sind. Viele, die kommen, kennen meinen Weg aus der Homepage und erzählen wohl auch deswegen sehr offen über sich selbst. Auf alle Fälle schätze ich das enorm und erhalte so eigentlich wieder sehr viel zurück. Insofern ist dann auch die Veröffentlichkung meiner Bilanzen immer noch stimmig.

 

Seit diesem Jahr setze ich mich mit der Auflösung von www.unterwex.ch auseinander. Angekündigt habe ich es schon. Doch das Feedback, das ich erhalte, unterstützt diese Entscheidung eigentlich nicht. Obwohl ich mich mit Facebook und Co. eher schwer tue und mich im Grunde auch nicht sehr wohl fühle dabei, ist es doch eine Plattform, die ich für mein „Unternehmen“ gut nutzen kann. Wahrscheinlich fühle ich mich unwohl, weil ich es nicht ganz verstehe. Trotzdem bin ich soweit, dass ich meinen Entschluss überdenke und überlege, wie ich das, was war, am Leben lassen kann, und das, was nunmehr sein soll, anders weiterleben lassen kann. Vermutlich würde eine saubere Trennung die Lösung für mein Dilemma sein. Reisen und Gleitschirmfliegen auf UnterweX belassen. Und Maison Libellule auf eine neue Site stellen.

 

Trennung. Das ist mein nächstes Stichwort. Ich habe vor, mich auf Ende Jahr definitiv bzw. steuerlich und wohnsitzrechtlich von der Schweiz zu trennen. Es wird Zeit, so denke ich, dass ich mich für eine Ecke entscheide. Ich wohne und lebe ja eh schon die ganze Zeit hier. Es würde so manches vereinfachen und klären, wenn ich meinen Wohnsitz nach Frankreich verlegen würde. Ausserdem würde es sich vermutlich einiges stimmiger anfühlen, wenn ich mich hier offiziell niederlasse und damit auch meinen Weg mit allen Konsequenzen weitergehen kann.

 

Die Vermietung der FeWo und der Roulotte scheint erfolgreich zu sein. Bestimmt lässt es sich auch noch verbessern. Meinen Lebensunterhalt kann ich daraus allerdings nicht vollumfänglich bestreiten. Es muss noch etwas dazu kommen. Was das sein soll, weiss ich noch nicht. Ich glaube, es wird sich ebenso ergeben, wie sich all die anderen Dinge ergaben, die heute zu meinem Leben gehören. Ich bin gespannt, was es sein wird.

 

Wie jedes Mal schliesse ich auch diese Bilanz mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit für all das, was ist, ab. Wieder einmal mehr beschert mir das Schreiben eine tiefe Befriedigung und eine Art wohltuende Distanz zu den Dingen des Alltags.