Bilanz 2012

Der November neigt sich zu Ende, die Blätter sind schon fast alle heruntergefallen, ein Südwind bringt 13° Wärme und lüftet alles gut durch. Ich konnte vor ein paar Tagen den Rasen nochmals mähen und gestern und heute die Grashaufen zusammenräumen. Jetzt schaut alles aufgeräumt aus und die Kälte und der Regen können kommen. Das Laub liegt zusammengerecht unter den Bäumen und wird den jungen Stämmen ein bisschen Schutz bieten. Sonntägliche Ruhe erfüllt die Räume, nicht einmal die Jäger ballern rum! Luke und die Katzen faulenzen auf dem Sofa herum und die Hühner stiefeln durch den Garten und machen sich über die Laubhaufen her. Alle gesund und munter!

Mitte November sind meine letzten Gäste abgereist. Anfangs November auch Cordula, die über zwei Monate hier war und mir überall sehr geholfen hat. Da für Anfangs und Ende Dezember wieder Freunde angemeldet sind und also keine Gefahr besteht, dass ich vereinsame, geniesse ich die Ruhe, Stille und das Alleinesein nach Strich und Faden. Zeit und Stimmung für die Bilanz 2012.

 

Ich kann ausserordentlich zufrieden sein! Das Buchungsjahr 2012 war ein voller Erfolg! Die FeWo war mehr als ein halbes Jahr ausgebucht, die Roulotte ähnlich gut. Das ist für bressanische Verhältnisse absolut spitze! Aus den Seminarien ist leider nichts geworden. Zu gross ist die Konkurrenz auf diesem Gebiet. Im Frühling, als ich diesen Versuch startete, entschliess ich mich ja auch, die zweite Roulotte schon jetzt zu bestellen und nicht bis zum nächsten Frühling zu warten. Also wurde „Gypsy“, so heisst die neue Roulotte, schon Mitte September geliefert und ich hatte schön Zeit, sie einzurichten und parat zu machen. Natürlich mit Hilfe von tollen Freunden, ohne die so manches hier sowieso gar nie zustande gekommen wäre!

 

Seit dem Herbst bin ich nun auch „Résidente“, d.h. Ich habe mich von der Schweiz ab- und hier angemeldet. Auf den gleichen Zeitpunkt hin habe ich mich hier in Frankreich auch offiziell selbständig gemacht. Maison Libellule ist nun hochoffiziell mein Geschäft, Business, Lebensin- und -erhalt! Mit der FeWo und der einen Roulotte war dies noch nicht möglich. Mit der zweiten Roulotte allerdings müsste ich meinen Lebensunterhalt bestreiten können. Ich kann damit zwar nicht luxuriös im herkömmlichen Sinn leben. Aber es sollte gerade so reichen, um meine Lebenskosten abdecken zu können. Und was will ich mehr? Mein Luxus ist der Garten, das Leben hier in der Natur, die Freiheiten und mein eigener Chef sein zu können. Das passt und gefällt mir so. Manchmal staune ich selber über das alles! Wie sich das alles entwickelt hat, wo ich heute stehe und wo ich damals stand, als ich hierher kam! Nie im Leben hätte ich an solch eine Entwicklung gedacht.

 

Maison Libellule bedeutet für mich ganz viel! Es ist einerseits das Leben in der Abgeschiedenheit und inmitten relativ intakter Natur und andererseits das Leben als Gastgeberin und Unternehmerin in meinem eigenen Haus und Garten. Was bedeutet, dass viele Menschen hierherkommen, ich diesen Garten mit anderen teile und somit ganz viel Rummel in dieser Abgeschiedenheit habe. Ich geniesse dies, so wie ich das Alleinesein geniesse. Für mich ist dieser Rummel ein Teil der Jahreszeitqualitäten. Ich liebe den Wechsel, die verschiedenen Jahreszeiten. Ich mag es, wenn der Herbst kommt, wenn der Frühling kommt und wenn es im Winter kalt und ruhig ist. Jede Jahreszeit hat ihre ganz eigenen schönen Seiten. Aber das Schönste ist der Wechsel, wenn sich dies alles immer dreht und wiederholt, es kommt und geht, sorgt für Abwechslung, für Abschiede und Neuanfänge. Für mich das pure Sinnbild für das Leben an sich. Und meine Gäste gehören zur Qualität des Sommers. Im Sommer wird es laut und lustig, wird es quirlig und spannend, wird es bunt und beeindruckend! Und dies alles dank meiner Gäste! So erfüllt mich Maison Libellule, macht mir Spass und gibt mir Sinn. Ja! Für mich ist das alles sehr sinnfüllend. Es tut mir gut, eine Aufgabe zu haben. Und es erfreut mich ganz besonders, weil es doch auch sehr um die Qualitäten der Zeit geht. Vor allem das „Zeit haben“ an sich! Ist das nicht mittlerweile das höchste Gut, der grösste Luxus? Ich meine schon! Und darum fühle ich mich reich!

 

In diesem Jahr hatte ich aber gar nicht soviel Zeit für meine Gäste. Ich hatte schon, aber nicht soviel, wie ich das gerne gehabt hätte! Und ich habe dabei realisiert, dass dies eines der wichtigsten Faktoren ist, um die Gäste zufrieden zu sehen und mich selbst auch. Vielleicht ist es sogar der wichtigste Faktor von allen! Ich bekomme in diesen Momenten soviel zurück! Von all dem, was ich gegeben habe und laufend tue, was ich an Energie in Maison Libellule investiert habe und tue, bekomme ich in diesen Momenten wieder ganz viel zurück!

 

Die Atemlosigkeit, die aber trotzdem manchmal herrscht, ist für mich – wohl auch für sehr viele - ein Schwerpunktthema. Immer wieder trete ich in diese Falle! Hechel, hechel, rennen, sich beeilen, keine Zeit haben, nicht durchatmen, immer denken, studieren ... dabei ... wo und wann, wenn nicht jetzt und hier? Dies ist für mich nach wie vor eine Herausforderung! Geerdet im Moment zu sein! Bewusstsein für die Qualität des Jetzt. Aber wenn es denn klappt und es so ist, dann ist das Glück perfekt, dann fühlt sich alles stimmig an. Und daran werde ich weiterarbeiten. Denn es sind genau diese Momente, für die es sich lohnt zu leben, zu sein, zu arbeiten, sich anzustrengen.

 

Ein ganz lieber Freund machte mich auf etwas anderes aufmerksam. Es geht dabei um die Kommunikation. Was passiert, wenn Menschen miteinander reden. Wenn sie mehr wollen, als schlichten Infoaustausch. Was passiert, wenn Menschen sich besonders zuhören, wenn sie dem anderen Zeit einräumen, wenn sie ihm ihre ganze Aufmerksamkeit schenken? Dann, und das habe ich selbst erfahren, entsteht ein Raum um diese Menschen herum, der, so empfinde ich es und möchte ich es bennen, heilig ist. Dann entsteht etwas Zusätzliches, etwas „Mehr“, etwas „Drittes“. Es ist eine Art kreativer Akt. Und das, was dabei entsteht empfinde ich als so kostbar, dass ich es kaum beschreiben kann. Mir kommt es vor, als ob es dabei um das Tiefste oder Höchste geht. Oder man könnte auch sagen, es geht um das Innerste, um eine Essenz, um das, was uns alle verbindet. Ich habe realisiert, dass dies nicht nur passiert, wenn man seine ganze Aufmerksamkeit jemandem schenkt und diesem Etwas, das entstehen will, Raum gibt. Es passiert auch, wenn man die gleiche Aufmerksamkeit Irgendetwas zukommen lässt. Es entsteht nicht nur zwischen Menschen. Es entsteht zwischen Allem. Egal was es auch ist! Dieses Gefühl der Heiligkeit dem Leben gegenüber ist wie eine Bestätigung von allem, was ich bisher gelernt habe. Es macht für mich Sinn und bestärkt mich, auf diesem Weg weiterzugehen. Kommunikation ist das, was zwischen allem passiert, nicht nur gesprochene Worte, es sind die Gesten, die Haltung, die Aufmerksamtkeit. Ist es nicht das, was uns die Quantenphysiker neuerdings erklären? Alles ist miteinander verbunden und reagiert aufeinander, alleine durch die Aufmerksamkeit, die wir etwas schenken? Ich meine ja, auch wenn ich da wohl kaum auf dem Laufenden bin. Und das ist ja auch egal. Für mich ist es die wichtigste Erkenntnis in diesem Jahr: Zeit zu haben und Achtsam zu sein für alles, was um mich herum geschieht und entsteht.

 

Eine andere wichtige Sache, die mich in diesem Jahr umtrieb, ist die WG-Geschichte. Ach, hier harzt und harzt es. Ich bin mir zwar sicher, dass es seine Gründe hat, und dass es, wenn denn die Zeitqualität stimmt, auch etwas Gescheites entsteht. Aber im Moment (ein langer Moment allerdings) will einfach nichts passieren. Ich hatte zwar einige Anfragen, einige gute Auseinandersetzungen, doch eine langfristige Lösung hat sich nicht abgezeichnet. Na ja, irgendwie... es ist etwas, was ich will.... aber vermutlich soll es nicht in der Form sein, wie ich mir das vorstelle, vermutlich will etwas entstehen, was ich mir noch nicht vorstellen kann, oder weiss der Kuckuck, wieso das nicht will! Die Auseinandersetzung mit diesem Thema war und ist trotzdem sehr spannend. Mir wurde so einiges klar oder wenigstens klarer, wenn auch nicht genügend klar ;-) Nichtsdestotrotz werde ich den Plan weiterverfolgen und schauen, was daraus entsteht.

 

Eines steht aber fest: ich brauche Hilfe für das nächste Jahr! Wie ich oben schon ausführte, will ich ja Zeit haben für meine Gäste. Das bedeutet eben auch Energie haben. Und die habe ich nicht mehr, wenn ich sie schon vorab mit Putzen und sonstigen Arbeiten ausgeschöpft habe. Ich kann nicht auf die Menschen zugehen und ihnen meine Aufmerksamkeit schenken, wenn ich eigentlich zu müde bin und dringend Ruhe brauche. Darum werde ich mich um tatkräftige Hilfe beim Putzen und mit dem Gartenunterhalt kümmern müssen.

 

Es dunkelt ein. Stare sitzen zu Hauf auf dem weit entfernt stehenden toten Baum. Sie machen einen riesen Lärm, zwitschern und fliegen immer mal wieder auf, um kurz nachher wieder auf dem Baum zu landen. Ich glaube, sie machen sich bereit für den weiten Flug in den Süden. Sie tun gut daran, denn die Wetterprognosen haben kaltes und nasses Wetter vorhergesagt. Ich werde hier bleiben und die Veränderungen weiter beobachten. Irgendwann, in ein paar Monaten werden sie wieder hier sein und die Luft mit ihrem Singen bereichern. Und das ist schön so. Beruhigend.